Am Ende der Saison 2023/24 stand fest, was bis Mai kaum jemand für möglich gehalten hatte: Bayer Leverkusen ist Deutscher Meister – und das ungeschlagen über 34 Spieltage. Die Mannschaft von Trainer Xabi Alonso schrieb damit ein Stück Bundesliga-Geschichte, das in seiner Konsequenz selbst die großen Bayern-Ären der vergangenen Jahrzehnte überstrahlt. Ein Rückblick auf eine Saison, die den Begriff „Vize-Kusen" endgültig zu den Akten legte.

Vom Schattendasein zur historischen Saison

Wer im Sommer 2023 prognostizierte, dass Leverkusen die Bayern entthronen würde, galt als Optimist. Wer zusätzlich eine ungeschlagene Bundesliga-Saison vorhersagte, hätte sich vermutlich Spott eingehandelt. Zu sehr klebte am Werksklub das Etikett des ewigen Zweiten, zu frisch waren die Erinnerungen an die Spielzeit 2021/22, in der man unter Trainer Gerardo Seoane noch um den internationalen Wettbewerb gezittert hatte.

Doch die Verpflichtung von Xabi Alonso im Oktober 2022 markierte einen Wendepunkt. Der Spanier, bis dahin Coach von Real Sociedad B, übernahm einen Klub auf einem Abstiegsplatz und stabilisierte ihn binnen Monaten. In der Rückrunde 2022/23 deutete sich an, wohin die Reise gehen könnte – Leverkusen landete schließlich auf Rang sechs. Dass aus dieser Basis eine perfekte Liga-Saison erwachsen würde, war damals trotzdem nicht absehbar.

Die Sommertransfers gaben dann die Richtung vor: Granit Xhaka kam vom FC Arsenal und brachte Mentalität und Spielintelligenz mit, Jonas Hofmann verstärkte die offensive Flexibilität, Matěj Kovář übernahm das Tor. Mit Victor Boniface kam ein Stürmer, der in seiner ersten Bundesliga-Saison sofort einschlug, ehe ihn ab Januar eine Verletzung längere Zeit ausbremste.

Das System Alonso: Geduld, Räume, Kontrolle

Was Leverkusens Spiel in dieser Saison ausmachte, war weniger Spektakel als vielmehr Struktur. Xabi Alonso ließ aus einer 3-4-3-Grundordnung agieren, in der die Außenverteidiger – Alejandro Grimaldo links, Jeremie Frimpong rechts – als hochstehende Schienenspieler die Breite gaben. Im Zentrum bildeten Xhaka und Exequiel Palacios eine Doppelsechs, die Ballbesitz und Pressing-Resistenz auf einem Niveau verband, das in der Bundesliga ihresgleichen suchte.

Im offensiven Mittelfeld lief Florian Wirtz zu Höchstform auf. Der Nationalspieler, nach seinem Kreuzbandriss endgültig wieder bei alter Stärke angekommen, dirigierte das Leverkusener Spiel mit Pässen, die in ihrer Präzision an seinen besten Mentor erinnerten – an Alonso selbst. Wirtz steuerte zweistellige Werte bei Toren und Vorlagen bei und wurde zum Gesicht dieser Saison.

Hinzu kam eine bemerkenswerte mentale Robustheit. Leverkusen drehte in der Liga ein ums andere Mal Rückstände in späten Spielphasen. Patrik Schick, lange verletzt, kehrte zurück und avancierte zum Joker, der vor allem im Frühjahr wichtige Treffer beisteuerte. Allein dieser Hang zu späten Toren wurde zu einem prägenden Motiv der Spielzeit.

Die entscheidenden Wegmarken

Schon der Saisonauftakt im August gegen RB Leipzig (3:2) deutete an, dass Leverkusen in dieser Spielzeit anders ticken würde. Im Herbst folgten Siege gegen die Bayern (3:0 in der BayArena im Februar war später das Ausrufezeichen), Dortmund und mehrere souveräne Auftritte gegen direkte Champions-League-Konkurrenten.

Die rechnerische Meisterschaft sicherte Bayer am 14. April mit einem 5:0 gegen Werder Bremen – fünf Spieltage vor Saisonende. Es war der erste Meistertitel der Vereinsgeschichte und das Ende einer Serie von elf aufeinanderfolgenden Bayern-Titeln. Die Bilder von Granit Xhaka, der die Schale erstmals empor stemmte, und von einer feiernden BayArena prägten den Frühling.

Im weiteren Verlauf ging es nur noch um eine Frage: Würde Leverkusen tatsächlich ungeschlagen durch die Saison kommen? Am 34. Spieltag, dem 18. Mai 2024, war es so weit. Mit einem 2:1 gegen den FC Augsburg setzte Bayer den Schlusspunkt unter eine Saison ohne Niederlage – ein Novum in der Bundesliga-Geschichte.

Quoten, Wettmarkt und eine Community im Staunen

Aus Sicht des Wettmarkts war Leverkusens Saison ein Lehrstück. Im August 2023 lag der Werksklub bei den meisten Buchmachern in der Meisterfrage hinter Bayern München und mindestens gleichauf mit Borussia Dortmund. Quoten im Bereich um 8,0 bis 12,0 auf den deutschen Meistertitel waren keine Seltenheit – eine Einschätzung, die sich rückblickend als deutlich zu zurückhaltend erwies.

Spannender noch war die Entwicklung im Winter: Nach dem Spitzenspiel-Sieg gegen die Bayern und einer makellosen Hinrunde kippten die Quoten innerhalb weniger Wochen. Wer Leverkusen erst im Januar noch zu Quoten jenseits der 2,0 spielte, konnte sich später bestätigt fühlen. Wie sich diese Quotenentwicklung Schritt für Schritt verschob, wird im Z3 Forum bis heute als Paradebeispiel dafür diskutiert, wie träge Märkte auf strukturelle Veränderungen in einer Liga reagieren können.

Auch die Wette „ungeschlagene Saison" – sofern sie überhaupt im Angebot war – wechselte ihren Charakter dramatisch. Anfangs eine kuriose Spezialwette mit dreistelligen Quoten, wurde sie ab März zum Dauerthema in einschlägigen Communities. In den Diskussionsfäden des Z3 Forums ließ sich gut nachvollziehen, wie sich die Stimmung von Skepsis über vorsichtige Faszination bis hin zu der Erkenntnis wandelte, dass hier tatsächlich Geschichte geschrieben wurde.

Was bleibt – und was offen ist

Die Bundesliga-Saison endete mit einer Meisterschaft, die in Zahlen kaum zu fassen ist: 28 Siege, 6 Unentschieden, keine Niederlage, 89 Punkte, 19 Punkte Vorsprung auf Verfolger Stuttgart, der seinerseits eine bemerkenswerte Saison gespielt hatte. Bayern München landete deutlich abgeschlagen auf Rang drei – eine Konstellation, die zu Saisonbeginn niemand auf der Rechnung hatte.

Für Bayer Leverkusen stellt sich nun die Frage nach der Konservierung dieses Erfolgs. Florian Wirtz, Jonathan Tah und einige weitere Leistungsträger weckten europaweit Begehrlichkeiten. Xabi Alonso selbst hatte im Frühjahr Anfragen von Real Madrid und dem FC Liverpool abgelehnt und sich öffentlich zum Klub bekannt – ein Signal, das in Leverkusen mit Erleichterung aufgenommen wurde.

Der Schritt vom „Vize-Kusen" zum ungeschlagenen Meister ist damit vollzogen. Ob daraus eine Ära wird, hängt davon ab, wie Bayer in der kommenden Spielzeit mit der neuen Rolle als Gejagter umgeht. Klar ist nur: Die Saison 2023/24 hat den Maßstab für das, was in der Bundesliga möglich ist, neu definiert – und sie wird in den Statistikbüchern stehen, solange die Liga existiert.